1505 n. Chr. – 1517 n. Chr.
Martin Luther und der Glaube
Bevor die Welt von der Reformation erfuhr, rang ein einzelner Mann im Kloster verzweifelt um sein Seelenheil. Der junge Mönch Martin Luther litt unter der tiefen Angst vor einem strafenden, unbarmherzigen Gott und den Qualen des Fegefeuers. Beim intensiven Studium der Bibel, insbesondere des Römerbriefs, erlebte er jedoch einen intellektuellen und spirituellen Durchbruch, der als „Turmerlebnis“ in die Geschichte einging. Er erkannte, dass der Mensch Gottes Gnade nicht durch gute Werke oder Geld kaufen kann, sondern sie allein durch den Glauben geschenkt bekommt. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelte Luther seine Kernlehren: Allein die Bibel gilt als Autorität (sola scriptura), und allein Christus rettet (solus Christus). Diese Entdeckung befreite Luther von seinen Ängsten, setzte ihn aber gleichzeitig auf direkten Kollisionskurs mit der damaligen Praxis der katholischen Kirche.
1517 n. Chr. – 1521 n. Chr.
Der Beginn der Reformation
Der Funke, der das Pulverfass zur Explosion brachte, war der skrupellose Ablasshandel des Dominikanermönchs Johann Tetzel, der Sündenvergebung gegen bares Geld versprach. Empört über diese Praxis, veröffentlichte Luther am 31. Oktober 1517 seine berühmten 95 Thesen gegen den Ablass in Wittenberg. Die Kirche reagierte mit Härte, forderte den Widerruf und drohte dem unbeugsamen Mönch schließlich mit dem Kirchenbann. Der Konflikt gipfelte 1521 auf dem Reichstag zu Worms, wo Luther vor Kaiser Karl V. stehen musste und den Widerruf mit den legendären Worten verweigerte, sein Gewissen sei in Gottes Wort gefangen. Daraufhin wurde die Reichsacht über ihn verhängt, was ihn vogelfrei machte. Zu seinem Schutz ließ ihn sein Landesherr, Kurfürst Friedrich der Weise, heimlich entführen und auf die Wartburg bringen.
1521 n. Chr. – 1524 n. Chr.
Der Beginn der Bewegung & Die Frauen der Reformation
Während Luther als „Junker Jörg“ getarnt auf der Wartburg saß und in Rekordzeit das Neue Testament ins Deutsche übersetzte, geriet die Bewegung außerhalb der Burgmauern außer Kontrolle. In Wittenberg und anderen Städten setzten radikale Kräfte Reformen mit Gewalt um, zerstörten Heiligenbilder und stürmten Kirchen, was Luther zur Rückkehr zwang, um die Ordnung wiederherzustellen. In dieser Phase des Umbruchs traten auch mutige Frauen aus dem Schatten der Geschichte hervor. Katharina von Bora, eine entflohene Nonne und spätere Ehefrau Luthers, organisierte nicht nur seinen riesigen Haushalt, sondern wurde zur Managerin des reformatorischen Zentrums. Andere Frauen wie Argula von Grumbach griffen aktiv zur Feder, verfassten theologische Streitschriften und verteidigten die neuen Ideen öffentlich gegen altgläubige Gelehrte. Ohne die logistische und intellektuelle Unterstützung dieser Frauen hätte sich die Reformation in der Praxis kaum so schnell konsolidieren können.
1523 n. Chr. – 1543 n. Chr.
Martin Luther und die Juden
Inmitten dieser theologischen und politischen Umbrüche zeigte sich auch die dunkle, tragische Seite des alternden Reformators Martin Luther. In seinen frühen Jahren hatte er sich noch verhältnismäßig tolerant gegenüber den Juden gezeigt, in der Hoffnung, sie würden sich nun, da das „wahre“ Evangelium verkündet wurde, massenhaft zum Christentum bekehren. Als diese Bekehrungswelle ausblieb, schlug Luthers Haltung im Alter in bitteren, hasserfüllten Antijudaismus um. Im Jahr 1543 veröffentlichte er seine berüchtigte Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“, in der er dazu aufrief, Synagogen niederzubrennen, jüdische Häuser zu zerstören, ihre Bücher zu beschlagnahmen und ihnen die Berufsausübung zu verbieten. Diese radikalen Schriften blieben ein schweres, düsteres Erbe der Reformation, das Jahrhunderte später von den Nationalsozialisten für antisemitische Propaganda missbraucht wurde.
1524 n. Chr. – 1526 n. Chr.
Reformation und Bauernkrieg
Luthers Botschaft von der „Freiheit eines Christenmenschen“ wurde von der unterdrückten Landbevölkerung schnell politisch und sozial missverstanden. Die Bauern, angeführt von radikalen Predigern wie Thomas Müntzer, forderten das Ende der Leibeigenschaft, gerechtere Steuern und die freie Pfarrerwahl, was sie in den Zwölf Artikeln formulierten. Es kam zu einer massiven, blutigen Erhebung im gesamten süddeutschen Raum, dem sogenannten Deutschen Bauernkrieg. Luther, der eine gewaltsame Umkehrung der von Gott gegebenen weltlichen Ordnung fürchtete, wandte sich scharf gegen die Aufständischen und rief die Fürsten in einer harten Streitschrift zur gnadenlosen Jagd auf die Bauern auf. Die Fürsten schlugen den Aufstand brutal nieder, wobei über 70.000 Bauern ihr Leben verloren. Dieses Ereignis spaltete die Reformation nachhaltig: Die Bauern fühlten sich von Luther verraten, und die Reformation verlor ihren Charakter als Volksbewegung und wurde stattdessen zur Sache der Landesfürsten.
1525 n. Chr. – 1535 n. Chr.
Die Täufer
Parallel zum Bauernkrieg spaltete sich die reformatorische Bewegung im Inneren weiter auf, da vielen Gläubigen Luthers Reformen nicht radikal genug waren. In der Schweiz und in Süddeutschland bildete sich die Bewegung der Täufer, die die Kindertaufe ablehnten und stattdessen die bewusste Taufe von Erwachsenen forderten. Sie erstrebten eine strikte Trennung von Kirche und Staat, verweigerten den Eid sowie den Kriegsdienst und lebten in urchristlichen Gütergemeinschaften. Sowohl von katholischer als auch von lutherischer Seite wurden die Täufer als gefährliche Ketzer und Rebellen unbarmherzig verfolgt, ertränkt oder verbrannt. Der radikale Flügel der Bewegung errichtete 1534 in Münster ein fanatisches, polygames „Königreich der Täufer“, das jedoch nach über einem Jahr Belagerung von fürstlichen Truppen blutig zerschlagen wurde. Danach wandten sich die überlebenden Täufer, wie die Mennoniten, endgültig dem strikten Pazifismus zu.
1530 n. Chr.
Das Augsburger Bekenntnis
Um die religiöse und politische Einheit des Reiches angesichts der drohenden Türkengefahr zu retten, berief Kaiser Karl V. im Jahr 1530 einen Reichstag nach Augsburg ein. Da Luther nach wie vor unter Reichsacht stand und nicht anreisen durfte, übernahm sein enger Vertrauter und brillanter Denker Philipp Melanchthon die theologische Führung. Melanchthon verfasste die Confessio Augustana (Das Augsburger Bekenntnis), eine diplomatisch kluge, aber bestimmte Zusammenfassung des evangelischen Glaubens. Ziel war es zu beweisen, dass die Protestanten keine neuen Ketzer waren, sondern lediglich den wahren, unverfälschten christlichen Glauben wiederhergestellt hatten. Obwohl der Kaiser das Bekenntnis ablehnte, wurde das Dokument zum rechtlichen und theologischen Gründungsdokument der lutherischen Kirche. Es einte die protestantischen Fürsten und Städte und markierte den Punkt, an dem eine Versöhnung mit Rom endgültig scheiterte.
1540 n. Chr. – 1560 n. Chr.
Die zweite Reformation (Calvinismus)
Während das Luthertum im Reich rechtlich abgesichert wurde, formierte sich in der Schweiz eine zweite, noch radikalere Welle der Reformation. Angeführt von Johannes Calvin in Genf entstand der reformierte Glaube (Calvinismus), der sich durch extreme Sittenstrenge und die Lehre von der Vorherbestimmung (Prädestination) auszeichnete. Calvin lehrte, dass Gott bereits vor der Erschaffung der Welt festgelegt hat, welche Menschen gerettet und welche verdammt sind – wirtschaftlicher Erfolg galt dabei als Zeichen göttlicher Erwählung. Diese „Zweite Reformation“ breitete sich rasant in Frankreich (Hugenotten), den Niederlanden, Schottland (Puritaner) und Teilen Westdeutschlands aus. Da der Augsburger Religionsfrieden von 1555 aber nur Lutheraner und Katholiken berücksichtigte, blieben die Calvinisten rechtlos, was im restlichen Europa zu massiven neuen Spannungen führte.
1546 n. Chr. – 1547 n. Chr.
Der Schmalkaldische Krieg
Da der Kaiser das Augsburger Bekenntnis ablehnte und den Druck erhöhte, schlossen sich die protestantischen Landesfürsten und Städte 1531 zum Schmalkaldischen Bund zusammen, einer defensiven Militärallianz. Nach Jahren des Zögerns und politischen Taktierens sah Kaiser Karl V. im Jahr 1546 – kurz nach dem Tod Martin Luthers – die Chance gekommen, den Protestantismus militärisch zu vernichten. Es entbrannte der Schmalkaldische Krieg, der erste große Religionskrieg auf deutschem Boden, in dem kaiserliche Truppen gegen das protestantische Heer antraten. Durch den Verrat des protestantischen Herzogs Moritz von Sachsen, der sich vom Kaiser die Kurfürstenwürde versprochen hatte, wurden die Protestanten in der Schlacht bei Mühlberg 1547 vernichtend geschlagen. Der Kaiser schien auf dem Höhepunkt seiner Macht, doch der militärische Sieg konnte den tief in der Bevölkerung verwurzelten neuen Glauben nicht mehr auslöschen.
1555 n. Chr.
Der Augsburger Religionsfrieden
Der kaiserliche Triumph währte nicht lange, da sich die Fürsten – aufgeschreckt von der Übermacht des Kaisers – erneut gegen Karl V. verbündeten und ihn zur Flucht zwangen. Um das Reich vor dem totalen Kollaps zu bewahren, wurde 1555 der Augsburger Religionsfrieden ausgehandelt, ein historischer Meilenstein. Hier wurde das berühmte Prinzip Cuius regio, eius religio („Wessen Land, dessen Religion“) festgeschrieben, das besagte, dass der jeweilige Landesherr die Konfession für seine Untertanen bestimmen durfte. Wer den Glauben seines Fürsten nicht annehmen wollte, erhielt das Recht, mit Hab und Gut auszuwandern. Damit wurde das lutherische Bekenntnis im Heiligen Römischen Reich der katholischen Kirche rechtlich komplett gleichgestellt. Die religiöse Einheit des Reiches war damit offiziell und dauerhaft Geschichte.
1562 n. Chr. – 1598 n. Chr.
Die Hugenottenkriege
Während im Deutschen Reich vorerst Frieden herrschte, eskalierte der Konflikt zwischen der katholischen Krone und den calvinistischen Hugenotten in Frankreich in einer Reihe von acht brutalen Bürgerkriegen. Der traurige Höhepunkt dieser Auseinandersetzungen war die Bartholomäusnacht im August 1572, in der tausende Hugenotten, die zu einer Hochzeitsfeier nach Paris gekommen waren, meuchlings ermordet wurden. Das Land versank in jahrzehntelangem Chaos, bis Heinrich IV., ein ehemaliger Hugenotte, der für die Krone zum Kathizismus konvertiert war, den Thron bestieg. Er erließ 1598 das Edikt von Nantes, das den Hugenotten religiöse Toleranz und Bürgerrechte garantierte. Dieser Akt beendete das Blutvergießen in Frankreich vorerst und zeigte, dass staatliche Stabilität über religiöser Einheit stehen konnte.
1648 n. Chr.
Das Erbe der Reformation
Nachdem die religiösen Spannungen das Reich im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) endgültig an den Rand der totalen Vernichtung gebracht hatten, zementierte der Westfälische Friede die konfessionelle Pluralität Europas. Das Erbe der Reformation geht weit über die bloße Entstehung der evangelischen Kirchen hinaus und prägt die moderne Welt bis heute. Luthers Bibelübersetzung schuf die Basis für die moderne deutsche Hochsprache und förderte durch den Drang, die Bibel selbst lesen zu können, die Bildung breiter Bevölkerungsschichten. Die Reformation brach das Monopol der katholischen Kirche über das Denken, stützte indirekt den Aufstieg des modernen Nationalstaates und ebnete den Weg für die Gewissensfreiheit des Einzelnen. Gleichzeitig hinterließ sie jedoch ein tief gespaltenes Europa, dessen konfessionelle Grenzen die Kultur und Politik der jeweiligen Regionen über Jahrhunderte hinweg tief prägten.