Sturm und Drang

1765 n. Chr. – 1785 n. Chr.

Die Literaturepoche des Sturm und Drang markiert eine hochgradig emotionale und rebellische Phase in der deutschen Literaturgeschichte, die vor allem von jungen, aufstrebenden Autoren geprägt wurde. Sie verstanden sich als gezielte Protestbewegung gegen die vorherrschenden Ideale der Aufklärung, welche die Vernunft und den Verstand über alles andere stellten. An die Stelle eines starr reglementierten Denkens setzten die Vertretenden dieser Bewegung das Gefühl, die Leidenschaft und die individuelle Entfaltung des Einzelnen. Das zentrale Leitbild dieser Zeit war das sogenannte Geniekult-Ideal, wonach der wahre Künstler als Schöpfer frei von allen traditionellen Kunst- und Formregeln agieren müsse. In ihren Werken thematisierten die Schreibenden häufig den dramatischen Konflikt zwischen dem freiheitsliebenden Individuum und den einengenden Schranken der gesellschaftlichen Ständeordnung. Die Sprache dieser Epoche zeichnet sich durch eine enorme Kraft, Ausrufe, abgebrochene Sätze und eine emotionale Bildsprache aus, um echte Empfindungen ungefiltert abzubilden. Trotz ihrer relativ kurzen Dauer übte diese Phase einen tiefgreifenden Einfluss auf die Entwicklung des modernen Subjektivismus in der deutschen Dichtung aus. Die Bewegung flammte rasch auf und ging schließlich fließend in die Epoche der Weimarer Klassik sowie später der Romantik über. Das geistige Erbe des Sturm und Drang liegt vor allem in der nachhaltigen Aufwertung des Gefühls und der Erhebung der individuellen Freiheit zum höchsten künstlerischen Maßstab.

Sturm und Drang
1773 n. Chr.

Johann Gottfried Herders Aufsatz „Von deutscher Art und Kunst“

Dieses Werk gilt als das theoretische Manifest und der eigentliche Startschuss für den Sturm und Drang. Herder plädierte darin eindringlich für eine Abkehr von den starren französischen Klassizismus-Regeln, die bis dahin die Literaturszene dominierten. Stattdessen forderte er eine Rückbesinnung auf die ursprüngliche, volkstümliche Dichtung und das intuitive Gefühl des Künstlers. Besonderes Vorbild war für ihn William Shakespeare, den er als freies Naturgenie ohne einengende Regelpoetik feierte. Seine Schriften inspirierten eine ganze Generation junger Dichter, ihre eigene Sprache zu finden und die Natur als höchste Inspirationsquelle zu betrachten. Damit legte Herder das theoretische Fundament, auf dem die literarischen Hauptwerke dieser Epoche aufbauen konnten.

1773 n. Chr.

Goethes literarischer Durchbruch mit „Götz von Berlichingen“

Mit dem Drama über den reichsritterlichen Rebellen Götz von Berlichingen schuf der junge Johann Wolfgang von Goethe das Musterbeispiel eines Sturm-und-Drang-Dramas. Die Hauptfigur verkörpert den kompromisslosen Naturmenschen, der für persönliche Freiheit und Gerechtigkeit kämpft, dabei jedoch an einer verlogenen Gesellschaftsordnung scheitert. Formell brach Goethe konsequent mit den traditionellen dramatischen Einheiten von Ort, Zeit und Handlung und orientierte sich stattdessen an Shakespeares offener Dramenform. Die ungezügelte, kraftvolle Sprache und die revolutionäre Thematik trafen exakt den Nerv der damaligen Jugend. Der überwältigende Erfolg des Stücks machte Goethe schlagartig zum gefeierten Star der literarischen Jugendbewegung.

1774 n. Chr.

Der internationale Erfolg von „Die Leiden des jungen Werthers“

Goethes Briefroman entwickelte sich unmittelbar nach dem Erscheinen zu einem der ersten echten Bestseller der europäischen Literaturgeschichte. Die Geschichte des emotionalen jungen Künstlers Werther, der an seiner unerfüllten Liebe zu Lotte und den starren gesellschaftlichen Konventionen zerbricht, löste eine regelrechte Welle der Empfindsamkeit aus. Das Buch traf das Lebensgefühl einer ganzen Generation, die sich in Werthers kompromissloser Gefühlsbetontheit und seiner Weltschmerz-Attitüde wiedererkannte. Die Wirkung war so intensiv, dass Kleidung nach Werthers Vorbild Mode wurde und Zeitgenossen der Schrift sogar eine Welle von Nachahmungstaten zuschrieben. Der Roman gilt bis heute als das absolut prägende Prosawerk des Sturm und Drang.

1781 n. Chr.

Friedrich Schillers dramatischer Erstling „Die Räuber“

Mit der Uraufführung von Schillers Theaterstück in Mannheim erreichte der politische und gesellschaftskritische Impuls des Sturm und Drang seinen Höhepunkt. Der Konflikt zwischen den Brüdern Karl und Franz Moor thematisiert den radikalen Ausbruch aus der gesellschaftlichen Ordnung sowie die Gefahren blinder Rachsucht. Karl Moor wählt als Anführer einer Räuberbande den offenen Anarchismus gegen die wahrgenommene Ungerechtigkeit der Welt, erkennt am Ende jedoch die Tragik seines Tuns. Das Drama versetzte das Publikum bei der Premiere in frenetische Begeisterung und schockierte zugleich die Obrigkeiten durch seine Freiheitspathos verströmende Sprache. Es markiert das späte, aber wohl gewaltigste Ausrufezeichen der gesamten Bewegung auf der Bühne.