1905 n. Chr.
Die Gründung der Künstlergruppe „Die Brücke“ in Dresden
Im Jahr 1905 schlossen sich die vier Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel und Fritz Bleyl in Dresden zur Künstlergemeinschaft „Die Brücke“ zusammen. Ihr Ziel war es, eine Brücke zwischen der traditionellen Kunst und einer völlig neuen, lebendigen Ausdrucksform zu schlagen, die das akademische Spießbürgertum provokativ ablehnte. Sie malten oft gemeinsam im Atelier oder in freier Natur, wobei sie Akte, Badende und das hektische Berliner Großstadtleben mit schnellen, kantigen Pinselstrichen festhielten. Typisch für die Gruppe war die Wiederbelebung des Holzschnitts, dessen grobe und kantige Ästhetik perfekt zu ihrem Wunsch nach roher Emotionalität passte. Durch ihre kollektive Arbeitsweise schufen sie einen unverwechselbaren Gruppenstil, der Holzschnittelemente und leuchtende, kontrastreiche Farbflächen vereinte. Die Gruppe löste sich 1913 aufgrund persönlicher Differenzen und künstlerischer Ausdifferenzierungen auf, hinterließ aber das Fundament des deutschen Expressionismus.
1911 n. Chr.
„Der Blaue Reiter“
Gegründet von Wassily Kandinsky und Franz Marc in München, verfolgte die Gruppe „Der Blaue Reiter“ einen deutlich spirituelleren und theoretischeren Ansatz als die Dresdner „Brücke“. Der Name ging auf ein gemeinsames Interesse an Pferdemotiven und der Farbe Blau zurück, die Kandinsky als die Farbe der Geistigkeit ansah. Die Künstler suchten nach einer inneren Wahrheit in der Kunst und ließen sich stark von Volkskunst, Kinderzeichnungen und primitiver Kunst inspirieren, um die oberflächliche Materialität der Welt zu überwinden. Während Franz Marc vor allem Tiere als Symbole für eine unschuldige, reine Natur malte, entwickelte Kandinsky in dieser Zeit die ersten rein abstrakten Gemälde der Kunstgeschichte, bei denen Farben und Formen wie Musik wirken sollten. Der berühmte, gleichnamige Almanach von 1912 bündelte ihre kunsttheoretischen Visionen und wurde zu einem der wichtigsten Manifeste der Moderne. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs brach die Gruppe abrupt auseinander, als Marc fiel und Kandinsky nach Russland zurückkehren musste.
1914 n. Chr. – 1918 n. Chr.
Der Erste Weltkrieg als Katalysator und Zäsur
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 markierte eine dramatische und existenzielle Wende für die gesamte expressionistische Bewegung. Viele Künstler zogen anfangs mit einer naiven Euphorie in den Krieg, da sie sich von der Zerstörung der alten, verkrusteten Gesellschaftsordnung eine spirituelle Reinigung der Menschheit erhofften. Die brutale Realität der Gräben und der industrielle Massenmord vernichteten diese Illusionen jedoch augenblicklich und traumatisierten die Überlebenden tiefgreifend. Maler wie Max Beckmann und Otto Dix verarbeiteten die grausamen Eindrücke direkt an der Front oder in den Jahren danach in verstörenden, oft apokalyptischen Bildern voller Verstümmelter und Sterbender. Andere Schlüsselfiguren der Bewegung, wie Franz Marc und August Macke, verloren auf den Schlachtfeldern ihr Leben, was die Bewegung ihrer wichtigsten Vordenker beraubte. Der Krieg wandelte den Expressionismus von einer rebellischen Ästhetik hin zu einer tiefen, bitteren Gesellschaftskritik und Klage gegen das menschliche Leid.
1920 n. Chr. – 1924 n. Chr.
Die Blütezeit des Expressionistischen Films
Nach dem Ersten Weltkrieg fand der Expressionismus ein neues, Massen ansprechendes Medium im deutschen Stummfilm der Weimarer Republik. Meisterwerke wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) von Robert Wiene oder „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1922) von Friedrich Wilhelm Murnau prägten diese Ära entscheidend. Um die verzerrte Wahrnehmung, den Wahnsinn oder die Angst der Charaktere visuell spürbar zu machen, bauten die Filmemacher künstliche Kulissen mit extremen, surrealen Winkeln und schiefen Wänden. Zudem arbeiteten sie mit harten Chiaroscuro-Lichteffekten, bei denen tiefe, bedrohliche Schatten direkt auf die Wände gemalt wurden, um eine albtraumhafte Atmosphäre zu erzeugen. Diese Filme spiegelten das kollektive Trauma, die politische Instabilität und die psychischen Wunden der deutschen Nachkriegsgesellschaft perfekt wider. Der expressionistische Film beeinflusste das weltweite Kino nachhaltig und legte die stilistischen Grundlagen für das spätere Genre des Film Noir und den modernen Horrorfilm.