1657
Dieses Gemälde gilt als eines der ersten Werke, in denen Vermeer seinen unverkennbaren, reifen Stil der intimen Raumszenerie vollständig entfaltete. Es zeigt eine junge Frau in einem stillen Raum, die ganz im Lesen eines Briefes versunken ist, während das Licht durch ein geöffnetes Fenster auf sie fällt. Besonders raffiniert ist die Spiegelung ihres Gesichts in den Fensterscheiben sowie das Spiel mit der Perspektive durch einen schweren Vorhang im Vordergrund. Eine sensationelle Restaurierung im Jahr 2021 legte zudem ein großes Gemälde eines Amors an der Rückwand frei, das über zwei Jahrhunderte lang übermalt war. Dieses Detail macht deutlich, dass es sich bei dem Schriftstück um einen Liebesbrief handelt, was der Szene eine neue, psychologische Dimension verleiht.
1658
In diesem Meisterwerk, oft auch einfach als Die Milchmagd bezeichnet, hebt Vermeer eine alltägliche, einfache Hausarbeit in den Rang hoher Kunst. Das Bild zeigt eine kräftige Magd in einer spartanisch eingerichteten Küche, die konzentriert und mit spürbarer Ruhe Milch aus einem Krug in eine Schale gießt. Vermeer gelingt es hier meisterhaft, die unterschiedlichen Texturen von schwerem Tongut, der rauhen Kleidung und den Brotkrumen auf dem Tisch haptisch spürbar zu machen. Das durch das Fenster einfallende Licht erzeugt winzige, glänzende Lichtpunkte auf den Oberflächen, was dem Bild eine fast sakrale Stille verleiht. Es ist eines der am besten erhaltenen Beispiele für Vermeers Fähigkeit, die Würde des alltäglichen Augenblicks einzufangen.
1665
Dieses weltberühmte Gemälde wird oft auch als die „Mona Lisa des Nordens“ bezeichnet und unterscheidet sich von Vermeers typischen Interieurs, da es keinen Raumhintergrund zeigt. Stattdessen blickt ein junges Mädchen mit einem blauen Turban vor einem tiefschwarzen Hintergrund den Betrachter direkt aus großen Augen an, während ihre Lippen leicht geöffnet sind. Das absolute Zentrum des Bildes bildet die namensgebende, übergroße Perle, die Vermeer mit nur zwei gezielten, genialen Pinselstrichen aus reinem Licht gemalt hat. Bei dem Werk handelt es sich nicht um ein klassisches Porträt, sondern um eine sogenannte Tronie – eine Charakterstudie, die einen bestimmten Typus darstellt. Die Identität des Modells ist bis heute unbekannt, was den mysteriösen und faszinierenden Zauber des Bildes bis heute aufrechterhält.
1666
Dieses komplexe und großformatige Spätwerk wird oft als Vermeers künstlerisches Testament und als eine Allegorie auf den Ruhm der Malerei verstanden. Es zeigt einen Maler – vermutlich Vermeer selbst von hinten – in seinem Atelier, der eine junge Frau porträtiert, welche die Muse Clio (die Muse der Geschichte) darstellt. Der Raum ist mit luxuriösen Gegenständen wie einem schweren Kronleuchter, einem edlen Vorhang und einer großen, detaillierten Landkarte der Niederlande an der Wand ausgestattet. Vermeer demonstriert in diesem Bild sein gesamtes handwerkliches Können: von der perfekten Zentralperspektive über die Lichtführung bis hin zur meisterhaften Täuschung des Auges (Trompe-l’œil). Vermeer schätzte dieses Gemälde so sehr, dass er es trotz drückender Schulden bis zu seinem Tod niemals verkaufte, um es für seine Familie zu erhalten.