1610
Dieses Meisterwerk ist das früheste signierte Werk von Artemisia Gentileschi, das sie im Alter von gerade einmal 17 Jahren schuf. Es stellt die biblische Erzählung aus dem Buch Daniel dar, in der die tugendhafte Susanna beim Baden von zwei älteren Richtern bedrängt und erpresst wird. Während männliche Zeitgenossen diese Szene oft als Vorwand nutzten, um einen erotisierten, passiven weiblichen Akt zu zeigen, bricht Artemisia radikal mit dieser Tradition. Ihre Susanna drückt physischen Abscheu, Angst und pure Bedrängnis aus, während die beiden Männer bedrohlich über ihr aufragen und ein网 (Netz) der Intrige weben. Die anatomische Präzision des weiblichen Körpers und die emotionale Tiefe des Bildes waren für eine so junge Künstlerin der damaligen Zeit absolut außergewöhnlich. Viele Kunsthistoriker sehen in diesem Werk bereits eine düstere Vorahnung der patriarchalen Gewalt, die Artemisia nur wenig später durch ihren eigenen Lehrer am eigenen Leib erfahren musste.
1612
Dieses weltberühmte Gemälde ist Artemisia Gentileschis unumstrittenes Kernwerk und eines der kraftvollsten Bilder des gesamten Barock. Es zeigt die biblische Heldin Judith, die den assyrischen General Holofernes im Schlaf tötet, um ihre Heimatstadt zu retten. Im Gegensatz zur bekannteren Version ihres Zeitgenossen Caravaggio zeigt Artemisia die Tat mit schonungsloser, körperlicher Brutalität und Realismus: Judith packt den General entschlossen am Schopf und führt das Schwert mit voller Kraft, während das Blut in Fontänen auf das Bettlaken spritzt. Besonders bemerkenswert ist die Rolle der Magd Abra, die hier nicht als alte, passive Zuschauerin, sondern als junge, aktive Komplizin dargestellt wird, die den massigen Körper des Mannes mit aller Kraft niederdrückt. Das Gemälde wird in der Kunstgeschichte häufig als psychologische Verarbeitung ihres eigenen Traumas interpretiert, in dem sie sich selbst in der Rolle der rächenden Judith und ihren Vergewaltiger Tassi als Holofernes verewigte
1638
Dieses faszinierende Gemälde entstand während Artemisia Gentileschis Aufenthalt in London und gilt als ein genialer Geniestreich der barocken Selbstdarstellung. Sie malt sich selbst in der Rolle der "Pittura", der personifizierten Allegorie der Malerei, die nach den damaligen Handbüchern als Frau mit unordentlichem Haar, einer Kette mit einer Maske und einer Palette in der Hand beschrieben wurde. Da die Allegorie der Malerei per Definition weiblich war, gelang Artemisia hier etwas, das keinem ihrer männlichen Kollegen möglich war: Sie verschmolz die abstrakte Idee der Kunst perfekt mit ihrer eigenen realen Person. Das Bild bricht mit der traditionellen Porträtmalerei, da sie sich nicht dem Betrachter zuwendet, sondern in einer dynamischen, körperlich anstrengenden Pose im Profil gezeigt wird, vollkommen fokussiert auf die leere Leinwand vor ihr. Es ist ein stolzes und extrem selbstbewusstes Statement einer Künstlerin, die sich selbst nicht nur als Handwerkerin, sondern als die Verkörperung der Malerei an sich definiert.