1871 n. Chr.
Reichsgründung
Die Einigung des deutschen Nationalstaates wurde nicht durch eine demokratische Revolution von unten, sondern "von oben" durch militärische Gewalt und diplomatische Klugheit erzwungen. Unter der Federführung des preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck führten drei erfolgreiche Einigungskriege gegen Dänemark, Österreich und schließlich Frankreich zur Einigung der deutschen Fürstentümer. Am 18. Januar 1871 wurde der preußische König Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles zum deutschen Kaiser proklamiert, was von Frankreich als tiefe Demütigung empfunden wurde. Die Verfassung des neuen Reiches war stark auf Preußen und das Amt des Reichskanzlers zugeschnitten, während das gewählte Parlament, der Reichstag, nur begrenzte Macht besaß. Dennoch feierte die Bevölkerung die Reichsgründung als Erfüllung eines lang gehegten Traums von nationaler Einheit. Dieses "Bündnis von Thron und Altar" zementierte die Vormachtstellung des Militärs und des Adels im neuen Staat für die kommenden Jahrzehnte.
1871 n. Chr. – 1873 n. Chr.
Gründerzeit und Gründerkrach
Die ersten Jahre des Kaiserreichs, bekannt als Gründerzeit, waren von einer beispiellosen wirtschaftlichen Euphorie geprägt, die durch die französischen Reparationszahlungen in Höhe von fünf Milliarden Francs angefeuert wurde. Überall im Reich entstanden neue Fabriken, Eisenbahnlinien und prachtvolle Bauten im historisierenden Baustil, während die Aktienkurse in utopische Höhen schossen. Diese Spekulationsblase platzte im Herbst 1873 mit dem "Gründerkrach", einem monumentalen Börsenabsturz, der eine jahrelange schwere Wirtschaftskrise auslöste. Unzählige Banken und Unternehmen gingen bankrott, und breite Bevölkerungsschichten verloren ihre gesamten Ersparnisse. Die Krise hatte tiefgreifende politische Folgen, da sie das Vertrauen in den Wirtschaftsliberalismus nachhaltig erschütterte. In der Folge wandte sich Bismarck vom Freihandel ab, führte Schutzzölle ein und im Reich breitete sich ein moderner, Sündenböcke suchender Antisemitismus aus.
1871 n. Chr. – 1878 n. Chr.
Bismarcks Kulturkampf
Parallel zum Wirtschaftsboom führte Kanzler Bismarck einen erbitterten inneren Konflikt gegen die katholische Kirche und deren politische Vertretung, die Zentrumspartei. Bismarck sah im Katholizismus eine Gefahr für die Reichseinheit, da die Katholiken dem Papst in Rom oft treuer ergeben waren als dem protestantisch geprägten preußischen Kaiser ("Reichsfeinde"). Durch scharfe Gesetze wie den Kanzelparagraphen, das Verbot des Jesuitenordens und die Einführung der obligatorischen Zivilehe versuchte der Staat, den Einfluss der Kirche zurückzudrängen. Die Katholiken leisteten jedoch unerwartet zähen, passiven Widerstand, und die Zentrumspartei ging gestärkt aus den Wahlen hervor. Als Bismarck Ende der 1870er Jahre die sozialistische Arbeiterbewegung als neue, größere Bedrohung ausmachte, brach er den Kulturkampf ergebnislos ab und versöhnte sich mit dem Vatikan. Geblieben sind aus dieser Zeit vor allem die staatliche Schulaufsicht und die Trennung von Kirche und Standesamt.
1888 n. Chr. – 1914 n. Chr.
Das Wilhelminische Zeitalter
Nach dem "Dreikaiserjahr" 1888 bestieg der junge, sprunghafte Wilhelm II. den Thron und entließ bald darauf den alten Kanzler Bismarck, um einen "Persönlichen Regimentsstil" zu etablieren. Das Wilhelminische Zeitalter war von einem extremen Kontrast zwischen moderner Technik und rückwärtsgewandtem Untertanengeist geprägt, symbolisiert durch Pickelhaube und Prunkbauten. Wirtschaftlich entwickelte sich das Reich zur absoluten Weltspitze in der Chemie- und Elektroindustrie, und das Bildungs- und Wissenschaftswesen genoss weltweiten Ruf. Außenpolitisch forderte Wilhelm II. aggressiv einen deutschen "Platz an der Sonne", was sich in einer forcierten Kolonialpolitik und dem Bau einer gewaltigen Kriegsflotte äußerte. Dieses maritime Wettrüsten entfremdete Großbritannien und trieb die europäischen Mächte in gegnerische Bündnissysteme. Die Gesellschaft militarisierte sich zusehends, während die soziale Frage trotz Bismarcks früherer Sozialgesetzgebung ungelöst blieb und die Sozialdemokratie zur stärksten Partei heranwuchs.
1914 n. Chr. – 1918 n. Chr.
Erster Weltkrieg und Untergang
Die aggressive Außenpolitik und das europäische Pulverfass entluden sich schließlich im Sommer 1914 nach dem Attentat von Sarajevo im Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die anfängliche Kriegsbegeisterung wich schnell den Schrecken des industrialisierten Stellungskrieges an der Westfront und dem massiven Sterben in den Schützengräben. Mit fortlaufender Kriegsdauer übernahm die Oberste Heeresleitung unter Hindenburg und Ludendorff faktisch die Diktatur im Reich, während die Bevölkerung an der Heimatfront unter einer katastrophalen Hungersnot litt. Als die militärische Niederlage im Herbst 1918 unausweichlich wurde, verweigerten kaiserliche Matrosen den Gehorsam, was die Novemberrevolution auslöste. Um dem revolutionären Druck nachzugeben, verkündete Reichskanzler Max von Baden am 9. November eigenmächtig die Abdankung des Kaisers, woraufhin die Republik ausgerufen wurde. Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands von Compiègne und der Flucht Wilhelms II. ins niederländische Exil endete das Deutsche Kaiserreich endgültig.