Naturalismus

1880 n. Chr. – 1900 n. Chr.

Der Naturalismus entwickelte sich im ausgehenden 19. Jahrhundert als radikale Weiterführung und Zuspitzung des Realismus. Geprägt durch die fortschreitende Industrialisierung, die urbane Massenarmut und den wissenschaftlichen Fortschritt, setzten sich Schriftsteller das Ziel, die Wirklichkeit ohne Unschärfe oder Idealismus abzubilden. Zentrale Grundlage war ein positivistisches Menschenbild, nach dem der Mensch maßgeblich durch seine genetische Vererbung und sein soziales Milieu determiniert ist. Gesellschaftlich rückte der Naturalismus erstmals das Elend der Arbeiterklasse, Alkoholismus, Kriminalität und tabuisierte Schattenseiten der Moderne in den Fokus der Kunst. In der Literatur drückte sich dies durch eine wissenschaftlich präzise Beobachtung sowie eine exakte Wiedergabe von Alltagssprache, Dialekten und Sekundenstil aus. Die Kultur jener Zeit brach mit klassischer Ästhetik und verstand Kunst als Werkzeug zur schonungslosen Anklage sozialer Missstände. Dieser radikale Verzicht auf Schönfärberei führte zu hitzigen Debatten und Zensurversuchen in der bürgerlichen Gesellschaft. Das Erbe des Naturalismus liegt in der Begründung des modernen Milieudramas und der Wegbereitung für das gesellschaftskritische Epische Theater des 20. Jahrhunderts.

Naturalismus