1500
Dieses monumentale Ölgemälde gilt als eines der kühnsten und faszinierendsten Selbstporträts der gesamten Kunstgeschichte. Dürer inszeniert sich hier im Alter von 28 Jahren in einer strengen, absolut symmetrischen Frontalansicht, die zur damaligen Zeit fast ausschließlich der Darstellung von Jesus Christus vorbehalten war. Durch die feine Lockenpracht, den Pelzbesatz des Rockes und die Handhaltung, die an einen Segensgestus erinnert, provoziert das Bild bewusst einen Vergleich mit dem Erlöser (im Sinne der christlichen "Imitatio Christi" – der Nachfolge Christi). Gleichzeitig ist das Bild ein stolzes Statement des humanistischen Selbstbewusstseins: Der Künstler präsentiert sich nicht als einfacher Handwerker, sondern als genialer, gottähnlicher Schöpfer, dessen Talent direkt von Gott gegeben ist. Die dunkle, reduzierte Farbgebung lenkt den Blick des Betrachters unweigerlich auf die hell erleuchteten Augen und die rechte Hand, die Werkzeuge seines kreativen Schaffens.
1502
Dürers "Feldhase" ist eines der berühmtesten Naturstudien der Kunstgeschichte und ein Paradebeispiel für seinen extremen Realismus. Das Aquarell besticht durch eine schier unglaubliche Detailgenauigkeit, bei der fast jedes einzelne Haar des Fells mit feinsten Pinselstrichen individuell ausgearbeitet wurde. Dürer ging es hierbei nicht um die Symbolik des Tieres, sondern um die reine, wissenschaftlich präzise Erfassung der Natur, was völlig neu für die Kunstepoche nördlich der Alpen war. Sogar das Spiegelungslicht eines Fensters ist im Auge des Hasen zu erkennen, was darauf hindeutet, dass Dürer ein lebendes Tier in seiner Werkstatt als Modell nutzte. Das Werk bricht radikal mit der mittelalterlichen Tradition, Tiere nur als allegorische Randfiguren in religiösen Bildern darzustellen. Heute wird das empfindliche Meisterwerk in der Albertina in Wien aufbewahrt und aufgrund seiner Lichtempfindlichkeit nur selten der Öffentlichkeit im Original gezeigt.
1508
Diese weltberühmte Pinselzeichnung auf blau grundiertem Papier entstand als Vorstudie für einen Flügelaltar, den der Frankfurter Kaufmann Jakob Heller bestellt hatte. Das Werk zeigt zwei detailgetreu gezeichnete, feingliedrige Hände, die im Gebet aneinandergelegt sind und aus einem angedeuteten Ärmel hervortreten. Dürer nutzte hier meisterhaft die Technik der Chiaroscuro-Malerei (Hell-Dunkel-Malerei), um durch feine weiße und schwarze Linien eine enorme plastische Tiefe und Realismus zu erzeugen. Obwohl es ursprünglich nur eine Arbeitsstudie für ein größeres Gemälde war, entwickelte sich die Zeichnung Jahrhunderte später zu einem eigenständigen Meisterwerk. Im 20. Jahrhundert wurde das Motiv im deutschsprachigen Raum zu einem der am häufigsten reproduzierten Symbole für Frömmigkeit, Trost und christlichen Glauben. Die Identität des Modells ist bis heute ungeklärt; oft wird spekuliert, dass es sich um die Hände von Dürers Bruder handelt, wofür es jedoch keine historischen Belege gibt.